Auszüge aus dem Audio-Tagebuch von Amanda C. McCoy


31. Januar 2072

Mein Geburstag wird von Jahr zu Jahr auch kurioser. Meinen Sechzehnten hatte ich mir durchaus anderes vorgestellt, als dieses experimentelle Cave-Diving.
Kurz vor dem Beginn des Dinners lieh ich mir Ma's Wagen und fuhr zur Stadtgrenze. Ich brauchte einfach etwas frische Luft. Also ging ich noch kurz spazieren. Abseits der Strasse. Keine gute Idee. Das Loch war mit Brettern zugenagelt und vom Unkaut dermassend überwuchert, dass ich es als solches nicht wahrnahm. Die Bretter nahmen mein Gewicht aber schon wahr und entschieden sich spontan zu brechen. Das Loch war nicht allzutief und ich tat mir nichts beim Aufprall. Aber ich schaffte es trotzdem nicht, einfach herauszuklettern.
Nun war das Loch nicht ganz sinnlos dort. Ein enger, schmaler Gang führte tiefer hinab. Ich hatte zwar nur ein Feuerzeug dabei, aber ich entschied mich trotzdem, der Sache auf den Grund zu gehen.

Irgendwann gegen abend fand man mich dann endlich. Ich hatte mich inzwischen hoffnungslos in dem Gangsystem dort verirrt. Teils waren sie natuerlichen Ursprungs, teils künstlich angelegt. Ich muss demnächst mal herausfinden, was genau das darstellen soll. Vom Suchtrupp wusste es keiner. Die waren auch heilfroh, mich gefunden zu haben. Naja, der Wagen parkte offensichtlich am Strassenrand. Und so weit hatte ich mich nun auch nicht entfernt. Sie hätten sich etwas mehr beeilen können.

01. März 2072

Mein Aufsatz über die Auswirkungen von Vercyberung auf die Gewaltbereitschaft der Vercyberten kam in der Schule sehr gut an. Natürlich. Der Lehrer war begeistert und lobte mich. Natürlich. Meine Freundinnen zerflossen beinahe vor gespielter Verzückung. Wie ich diese mit s.Oliver behangenen Motten verachte. Wenn ich nur einmal meine Meinung sagen dürfte. Aber das geht ja nicht. Und so bin ich weiter lieb und nett und adrett und schreibe Aufsätze mit Inhalten, von denen ich weiß, dass sie so gewünscht werden.

07. März 2072

Heute hat mich Daniel gefragt, ob ich Samstag nicht mit ihm ausgehen möchte. Ich hab ja gesagt. Irgendwie seltsam. Er ist der beliebteste Junge unserer Schule. Und er ist auch super niedlich und so. Und ja, natürlich sagen alle, wir wären ein so reizendes Paar (was interessiert das die Hühner eigentlich?). Aber irgendwie dachte ich, ich würde mich sehr viel mehr freuen, wenn er dann endlich fragt. Ich gebe zu, ich hatte auch gehofft, dass er erst zum diesjährigen Jahresabschlussball ankommt. Er IST einfach süß. Aber ich glaub nicht, dass wir bis dahin noch zusammen sind.

08. März 2072

Himmel, endlich ist es vorbei. Ich hasse diese geselligen Treffen, wo die ganze Familie zusammenkommt und sich gegenseitig mit Lobhuldigungen bewirft. Die ganze Zeit akkurat dasitzen, dem verhassten Cousin dritten Grades ins Gesicht lächeln, die albernen Spitzen der Geiertante neben sich erdulden und zu allem lieb Bitte und Danke sagen. Sitz. Mach Platz. Gib Pfötchen. Braves Hundchen.

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